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Das reinste Herz
von Euphoria, The Fae Gatekeeper of Dreams

 übersetzt aus dem Amerikanischen von Silbermond

Ich erzähl' euch eine Geschichte voller Licht,
auch von Elfen, Zwergen und dunkler Macht:
Ein gläsernen Schleier verbarg das Gesicht
eines Elfen gefangen von Magie schwarz wie die Nacht
Die böse Königin quälte das Spiegelbild
in endlosen Reimen zauberwild
es zu beschwören
tausend Fragen zu erhören
Das Spiegelvolk wußte genug:
nur die das rubinrote Herz in sich trug,
konnte die Macht der Königin zerstören
 

Teil 1



Mit einem bösartigen Lächeln durquerte sie ihre dunklen Gemächer. Ihr Gruß galt nur den roten, samtbezogenen Wänden mit den Bücherregalen davor. Als ihr Blick von einem Regal zum anderen wanderte, fragte sie sich, wohin sie ihre neues geschnitzes Jadekästchen stellen sollte. Sie hatte diese Farbe sorgfältig ausgesucht, da sich ihre Augen an der Farbe Grün weiden konnten, die sie mit Zerstörung in Verbindung brachte. Sie fühlte, daß das Leben nichts war, wenn daß Böse es nicht letztendlich beherrschte.

Ihre Schönheit war sehr groß und so gelang es ihr, einen mächtigen König zu heiraten. Als sie Königin wurde, versuchte sie, an Einfluß und Macht zu gewinnen. Es war einfach, ihn zu verführen, da sein Herz einsam war. Dann dachte sie zurück und erinnerte sich daran, wie einfach es gewesen war, ihn zu beeinflussen. Der arme Mann hatte eine so einsame Seele, daß es ein Kinderspiel war, ihm mit einem Glas Rotwein zu vergiften. Er war ein sehr ergebener Ehemann, der ihr vielleicht nützlich gewesen wäre, aber seine Schwäche für seine Tochter hatte sein Schicksal bestimmt. Die Königin wolle nicht, daß eine andere lebende Frau schöner war als sie, und er liebte sein Kind sehr.

Ihre Mutter hatte sie nach dem reinen Schnee und dem Ebenholz an dem Fensterrahmen genannt, als sie aus ihrem Gemach einen friedvollen Wintertag beobachtete. Die böse Königin fragte sich, wie sich ihre Vorgängerin gefühlt haben mußte, als die Nähnadel in ihren Finger stach. Als das Blut hervorquoll, wollte ihre Mutter, daß die Lippen ihres Kindes genauso rot seien sollten.

"Es ist unwichtig," dachte sie, als das Bild von ihrem inneren Auge verschwand. "Wir werden alle noch früh genug Blut sehen."

Ihre Vision richtete sich dann auf etwas, was vor kürzerer Zeit geschehen war. Die Königin lachte, als sie sich den Jäger vorstellte, als er das Herz der Prinzessin herausschnitt. Er würde alles tun, um die Königin zufriedenzustellen, solange seine Familie im Kerker schmachtete. Nachdem sie gesehen hatte, daß die Aufgabe erfüllt war, beschloß sie, gut zu ihnen zu sein und sie freizulassen. Es würde ihr mehr Freude bereiten, grausam zu sein, wenn sie sich nicht in so guter Stimmung war.

Das grüne Kästchen wurde auf ein Regal neben einen großen Spiegel gestellt, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Oberfläche war frei von Streifen und Kratzern, und die Königin konnte den Widerschein ihres Spiegelbildes darin erkennen. Ihr bösartiges Lächeln wurde durch die tiefroten Lippen verstärkt und ihr Gesichtsausdruck war makellos für jeden, der sich leicht durch den äußeren Schein beeinflussen ließ. Ihre gebogenen Augenbrauen waren schwarz gefärbt, genau wie ihr Haar, das das Licht im Raum in sich aufsog. Ihre Gestalt wurde unter einem fließenden roten Gewand verborgen, das um ihre schlanke Hüfte durch einen schwarzen Gürtel zusammengehalten wurde. Dann konzentrierte sie sich, und sah mit ihren tiefbraunen Augen in das Spiegelbild. Sie rief im Geist nach ihrem Diener, der ihr so vertraut war.

Vor vielen Jahren traf sie einen Elfen, der alles sehen konnte und alles wußte. Sie wußte nicht viel darüber, warum dieses Geschöpf die Dinge wußte, die es wußte, aber ihr war klar, daß seine Macht ihr nützlich sein konnte.
Nachdem sie mehrere Zauberbücher gelesen hatte, fand sie einen Weg, das Geschöpf zu einem vom Spiegelvolk zu machen. Sie verzauberte ihn, indem sie seine Seele in das Glas sperrte. Dort war er gefesselt, um ihren Wünschen zu gehorchen und jede Frage, die sie hatte, zu beantworten. Da jeder des Spiegelvolkes ein Elf war, der durch schwarze Magie gefangengehalten wurde, beschloß sie, ihn anzurufen, indem sie fragte: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?"

Ihr Bild im Spiegel veränderte sich und sie lächelte. Nach ein paar Sekunden erschien ein kantiges Gesicht mit grauen gebogenen Augenbrauen und spitzen Ohren. Seine Augen waren violett und seine Haut blaß. Sie nickte ihm zu und wartete auf eine Antwort. Seine pinkfarbenen Lippen bewegten sich, um ihr die Wahrheit zu sagen:

"Ihre Brust entrissen war es wahrlich ihr Herz, aber noch hast Du nicht vollendet Dein Werk,  tief im Wald wurde sie gefunden, von Wesen, die einst ans Land unter der Erde gebunden."

Die grünen Augen der Königen fingen an, vor Zorn zu flackern: "Was?" schrie sie, "Spiegel, Spiegel, sag mir  jetzt oder nie, wer hat sie, wo und wie?"

Er antwortete:
"In einer Hütte weit entfernt, wo keines Menschen Blickes sie je ereilt. Von den Zwergen wurde sie geheilt. Ein rubinrotes Herz ruht in ihrer Brust und statt Todesschlaf küßte sie des ewigen Lebens wilde Lust."

"So lebt sie also, ist es das, was du sagen willst, und der Tod wird niemals zu ihr kommen?"

"Das ist wahr, meine Königin, aber dadurch, daß sie lebt kannst du deinen Traum verwirklichen, denn ihr Herz kann dein Blut durch deine Adern pumpen. Du wirst deine Gesichtszüge lieben, denn du wirst unsterblich sein, niemals alt werden, und du wirst in aller Ewigkeit bewundert und gerühmt werden."

Die Königin fror, als sie die Worte des Spiegels hörte, und in diesem Augenblick verstand sie die Bedeutung. Schneewittchen lebte zwar, aber ihr Herz in dem Jadekästchen konnte ihr, der Königin,  das ewige Leben schenken. Sie ging zu dem Regal und öffnete den Deckel um den zuckenden Muskel zu betrachten. Wirklich, er zog sich langsam zusammen und öffnete sich wieder, so daß sie die verschiedenen Herzkammern sehen konnte.
"So ist es wahr, was ich gelesen haben", murmelte sie, "Herzen, die außerhalb eines menschlichen Körpers schlagen, können ewiges Leben gewähren."
Sie sah über ihr Handgelenk wieder in das Kästchen. Durch das Studium mehrerer archaischer Texte wußte sie bereits, wie sie vorzugehen hatte. "Alles was ich tun muß, ist, mein Blut durch die Adern des Herzens zu gießen und es auf meinem Gesicht zu schmieren!"

Sie warf einen Blick zurück auf den Spiegel und sagte: "Ich werde sie solange leben lassen, wie sie sich in dem Wald versteckt. Aber ich will ewig leben!"

Teil 2
 

Eine junge Frau lag unbeweglich auf dem strohgedeckten Bett. Der Raum war nur durch ein paar Kerzen schwach beleuchtet, aber das Licht brachte ihre große Schönheit dennoch zu Geltung. Ihr Haar war so schwarz wie die Nacht und umrahmte ihr Gesicht, dessen ovale Rundungen und dunkle gebogenen Augenbrauen wie gemeißelt schienen. Sie spitzte ihre Lippen in ihrem bewußtlosen Zustand, fast so, als sehnte sie sich danach, den Morgen zu küssen und aufzuwachen. Vielen war sie als Schneewittchen bekannt und bald würde sie ihre neuen Freunde zum ersten Mal sehen.

Nachdem sie ein paar Mal geblinzelt hatte, wurde ihr Blick wieder klar und sie sah einige kleine Männer mit groben Gesichtszügen. Ihre Kleidung war aus Wolle gewoben und in einer Vielzahl an Grün- und Brauntönen gefärbt. Sie lächelten sie charmant an, als sie sich bewegte, und einer von ihnen näherte sich ihr mit einem mitfühlenden Gruß: "Wir haben uns Sorgen gemacht, nachdem der Jäger dein Herz herausgeschnitten hat." Er sprach klar und deutlich.

Seine Stimme war tröstend aber sie keuchte, als sie sich erinnerte. Sie dachte an ihren Mörder und das Messer, das er in ihre Brust gestoßen hatte. Sie jammerte, und versuchte sich nicht daran zu erinnern, aber sie klammerte sich doch nur an das weiße Bettlaken, in das ihr Körper gewickelt war. Der gleiche Zwerg streckte eine Hand aus, um sie zu trösten: "Pssstt, es ist alles gut, Prinzessin, wir haben dich geheilt."

Sie betrachtete ihren Körper unter dem Laken und sah eine breite Narbe zwischen ihren Brüsten. Dann wickelte sie ihren schmalen Körper wieder in das Laken und sah die kleinen Männer an: "Was ist genau geschehen?" fragte sie, und ihre tiefblauen Augen waren voller Neugier.

Er streckte ihr eine Hand mit einer Vielzahl an Juwelen entgegen. Saphire und Smaragde glitzerten in seiner Hand und mit einer Geste der Freundschaft legte er sie in ihren Schoß: "Wir sind Bergarbeiter und einige von uns beschäftigen sich sogar etwas mit Magie. Wir wußten, daß du ohne dein Herz nicht leben konntest, so ersetzten wir es durch einen großen Rubin. Es wird dich solange am Leben erhalten, wie du es wünscht und wird dein Blut weiter nähren."

Sie riß die Augen weit auf, als sie das hörte: "Ein anderes Herz? Ein Edelstein!" Sie keuchte: "Und ich lebe! Wie kann das sein? Wird ein Rubin mein Lebensblut weiter pumpen?"

"Ja," erklärte er weiter, "dein neues Herz wird schlagen und dein Leben ist gerettet."

Sie seufzte einen Moment. Sicherlich war sie dankbar dafür, daß die Zwerge ihr Leben gerettet hatten, aber sie dachte an den Jäger und wer ihn geschickt hatte. "Meine Stiefmutter steckt dahinter," sagte sie, "Das hat mir der Mörder gesagt, bevor er mich angegriffen hat."

Der kleine Mann nickte und reichte ihr die andere Hand um sie zu trösten: "Das wissen wir und wir wissen auch mehr über deine Lage, als dir bewußt ist. Die Königin hat einen der Elfen zu enem Mitglied des Spiegelvolkes versklavt. Er sprach zu einem von uns in seinen Träumen. Ihre Bosheit wird immer stärker, Kind, und wir können sie nicht aufhalten. Alles was ich dir sagen kann, ist daß du nie zurückgehen kannst."

Schneewittchen sah auf die Zwerge und versuchte, eine besseren Blick auf sie zu erhaschen. Sie schienen alle von der Statur her ähnlich, aber trotzdem war keiner das genaue Ebenbild des anderen. Einige sahen jugendlicher aus, während andere graues Haar und runzelige Gesichter hatten. Sie versuchte noch immer, sie auszeinanderzuhalten und fragte: "Zu welchem von euch hat der Elf des Spiegelvolkes gesprochen?"

"Es ist ein Bruder von uns, der geheim bleiben will," sagte ein jugendlich aussehender Zwerg, als er sich ihr näherte, "wir möchten dich ihm lieber jetzt noch nicht vorstellen."

"Ja." Jetzt beteiligte sich ein anderer an der Unterhaltung. "Du wirst noch Schwierigkeiten genug haben, uns seinanderzuhalten."

"Laß mich dir meine Familie vorstellen." Derjenige, der ihr am nächsten stand, antwortete: "Das sind Rirkzkonlot, Tirulemanino, Wirkonlirbod."

Die Prinzessin blinzelte verwirrt, als sich die Zwerge vorstellten. Nachdem drei Namen genannt wurden, schüttelte sie ihren Kopf und unterbrach sie: "Ich fürchte, solche Namen kann ich mir nicht merken. Sie sind zu lang und kompliziert."

"Nun, wie möchtest du uns dann nennen?"

"Darüber denke ich später nach, ich fühle mich so müde," antwortete sie und fiel zurück in ihr Bett. Schneewittchen hatte bereits soviel verloren, daß sie gar nicht versuchte, solche schwierigen Namen zu behalten. Sie verdrängte das Problem der Namen in den Hintergrund ihres Geistes und ihre Gedanken begannen sich auf einen gutaussehenden Prinzen und seinen sanften Charakter zu richten. Sie erinnerte sich daran, wie er ihr den Hof gemacht hat, bis ihr Vater gestorben war. Sie sah seinen mitfühlenden Blick und hörte seinen fester Schritt in ihrem Geist. Sie schloß ihre Augen in einem Versuch, ihn zu vergessen, aber es gelang ihr nicht. Das rubinrote Juwel in ihrer Brust begann vor Trauer zu klingen und die Zwerge versammelten sich um sie. Als sie sie mit tränenverschleiertem Blick ansah, fragte sie: "Mein Prinz?"

Sie seufzten und sahen betrübt auf den Boden. Schließlich sagte der erste, der sich ihr näherte: "Du wirst auch ihn vergessen müssen."
 


Teil 3

Sie sah auf das Herz, wie es auf einer gläsernen Platte schlug. In einem vollendeten Rythmus nahm es das kleine Rohr auf, das die Königin in die Herzkanäle steckte. An das andere Ende des Herzens war ein Trichter befestigt, so daß das neue Blut in eine kleine Schüssel fließen konnte. Jetzt war alles bereit, und sie legte das silberne Messer an ihr Handgelenk.
Durch das stundenlange Blättern in den Zauberbüchern war die Anrufung noch frisch in ihrem Geist. "Alakarn girt leerakon." Die alten Worte rollten von ihren Lippen, als die Klinge in ihre Haut schnitt. Sie versuchte, keinen Schmerzenslaut von sich zu geben und dachte stattdessen daran, daß sie nun für immer vollendete Schönheit besitzen würde. "Alakarn girt leerakon." Sie murmelte die Worte erneut und legte ihr Handgelenk an das eine Ende des Röhrchens. Nach einigen Augenblicken strömte das Blut durch die Herzkanäle.

Der Herzmuskel hieß es willkommen, und als er die neue Flüssigkeit spürte, ließ er die Flüssigkeit durch die Kammern pulsieren und aus den gegenüberliegenden Herzkanälen wieder herausströmen. Die Königin lächelte, als sich die Schüssel am Ende des Trichters langsam mit neuem Blut füllte. Als sie auf ihr Handgelenk schaute, sang sie: "Tikari len Ukron." Die alten Worte der Heilung. Sie fühlte, wie sich ihre Haut wieder schloß und der Wundschmerz war bald vorbei.

Die Schüssel glitzerte rot von der Substanz und sie wußte genau, was sie zu tun hatte. Sie tauchte ihre Finger ein und brachte sie an ihr Gesicht. Langsam aber stetig fühlte sie, wie ihre Haut die Flüssigkeit aufnahm.  Sie wiederholte die Behandlung, bis die Schüssel fast leer war. Dann nahm sie einen Spiegel, der in der Nähe des Herzens lag und hielt ihn vor ihre Augen. Sie zeigte keine Zeichen von Blutarmut, als die Flüssigkeit in ihren Körper zurückströmte. Das Herz hatte seine Aufgabe erfüllt und die Gesichtszüge der Königin waren strahlender als zuvor.

 Teil 4

Die Tage vergingen und Schneewittchen's Schönheit verblaßte nicht. Sie lernte viele wertvolle Dinge von den Zwergen, wie mit den Vögeln zu sprechen und Nahrung im Wald zu sammeln. Sie war dankbar für diese Fähigkeiten, aber noch dankbarer war sie dafür, daß sie sie in ihrem Heim tief in den Wäldern leben ließen.

Es regnete selten, deshalb war das Dach auch nur strohgedeckt, und die Wände aus grobem Mörtel brachten die nötige Stabilität in das kleine Haus.  Eine rote Holztür führte in ein großes Eßzimmer, und sie erfuhr, daß das Kochen für sie etwas war, an dem jeder beteiligt war.  Die Zwerge aßen fast vier Mal am Tag, und obwohl sie nicht annähernd so viel aß wie die Zwerge, gewöhnte sie sich doch schnell an ihre Eigenarten.

Und sie begannen sie zu lieben. Die Prinzessin war nicht nur ein tüchtiges Familienmitglied, sondern auch eine sanfte Frau, die Mitgefühl für jeden zeigte, der eine schlechte Zeit durchmachte. Ob ein Teller zu Bruch ging oder ob jemand seine Lieblingsaxt verloren hatte, Schneewittchen wendete die Situation immer zum besseren. Als die Zeit verging, entdeckte sie die Dinge, die sie voneinander unterschied und  betrachtete jeden Zwerg als eigene Persönlichkeit. Da sie wußte, daß sie jeden mit einem Namen rufen mußte, den sie sich merken konnte, gab sie jedem einen Spitznamen, der zu den besonderen Eigenschaften eines jeden einzelnen paßte.  Jeder Zwerg verbrachte viel Zeit in den Minen, aber sie wußte, daß einer von ihnen besser Steine meißeln und Edelsteine finden konnte als die anderen. Er war stämmig wie die anderen und kicherte immer, wenn die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet wurde. Sie beschloß, ihn Miner zu nennen, und er lächelte, da er wußte, daß sie einen guten Namen gefunden hatte. Aber es gab auch drei andere Zwerge und sie fand auch Namen für sie. Einer sah jünger und dünner aus als die beiden anderen und sein scharfer Blick unterschied ihn auch von den anderen der Gruppe. Sie nannte ihn Watcher und fand heraus, daß er so ähnlich wie ein anderer Zwerg war, den sie Study nannte. Study hatte auch gute Augen, aber er richtete sie oft auf die Bücher, aus denen er so viel lernte, wie er nur konnte.  Der letzte Zwerg trug eine kleine Brille und sein wirres graues Haar und die Runzeln zeigten sein Alter. Trotzdem hatte er ein jugendliches Lächeln und fand seine Freude daran, die Uhren im Haus zu bauen und an ihnen zu arbeiten. Wegen seiner Freude an den Uhren nannte sie ihn Clockwork und er mochte diesen Namen sehr gerne.

Trotzdem wanderten Schneewittchen's Gedanken manchmal von den Zwergen fort und sie begann, an ihren Vater zu denken. Als sie eines Tages versuchte, ihren Kummer zu lindern, wanderte sie von dem Haus fort zu einem Baum, wo sie der Gesang einer Taube begrüßte.  Sie lächelte und zwitscherte zurück, dann fragte sie nach den Königreichen jenseits ihrer Welt.

Viel Zeit war vergangen und sie hörte, was der Vogel gesehen hatte. Mit jedem Zwitschern erzählte er ihr mehr davon, wie die Macht ihrer Stiefmutter wuchs und diese trotzdem ihr jugendliches Aussehen bewahrte. Das Vögelchen erzählte auch, daß es gesehen hatte, wie viele Bewohner des Königreiches verschwanden und nur große schwarze Gestalten als Untertanen ihrer Majestät zurückließen. Sie hörte weiter zu und ihr Freund erzählte ihr, daß der Palast nicht länger vor Leben überschäumte, sondern vor Dunkelheit.

Sie seufzte, als sie diese Neuigkeiten hörte, aber war gar nicht überrascht. Dann ließ sie etwas nach dem anderen Königreich fragen, in dem ihr Prinz regierte. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie hörte, daß er der König eines mächtigen Landes geworden war. Aber dann erstarrte sie, als sie hörte, daß er sich eine Frau genommen hatte.

Ihre Augen glänzten vor Tränen und sie fragte den Vogel, ob er seine Braut liebte. Die Taube antwortete, sie wüßte es nicht, aber der Gedanken, daß eine andere in seinen Armen liegen sollte, war schmerzlich genug für sie. Sie zwitscherte schnell auf Wiedersehen zu ihrem Gefährten und rannte zurück in die Hütte, unfähig, ihre Tränen länger zurückzuhalten.
 


Teil 5



Die Zwerge sahen auf, als sie in Tränen aufgelöst durch die Tür stürmte. Miner und Clockwork rannten schnell an ihre Seite. Es war Miner, der ihre Hand nahm und sie sanft tätschelte.
"Bitte sage uns, was dich betrübt, Liebes." Sie wischte sich über die Augen und sah zu den anderen.

Ein Seufzer drang von ihren Lippen und sie setzte sich langsam auf einen kleinen hölzernen Stuhl.
"Die Macht der Königin wächst und davor habe ich große Angst, sogar jetzt wenn ich spreche, klingt mein Rubinherz vor Trauer."

Clockwork sah über seine Brille hinweg und sprach in einem tröstenden Ton: "Daß die Macht der Königin wächst, ist keine große Überraschung. Du weißt, daß sie dein wahres Herz hat und damit hat sie auch das unsterbliche Leben."

Seine Worte waren doch etwas überraschend für sie, aber sie keuchte nicht erschreckt auf: "Ich wußte nicht, daß es so mächtig ist."

Er nickte: "Doch, das ist es wohl, aber das ist es nicht , was dich beunruhigt, nicht wahr?"

Sie blinzelte und eine weitere Träne fiel von ihrer Wange: "Nein. Ich fand heraus, daß mein Prinz eine andere hat."

Jeder Zwerg seufzte und einige schüttelten sogar ihre Köpfe.
"Leider ist auch das keine Überrraschung." Study tröstete sie weiter: "Es tut mir leid, aber du weißt, daß es nicht sicher für dich ist, jemals wieder ein menschliches Königreich zu betreten."

"Ja." Sie zitterte und versuchte, ein paar Tränen zurückzuhalten. "Ich weiß."

Miner tätschelte wieder ihre Hand. "Es tut uns leid, Liebes. Aber wenn es ein Trost für dich ist, heute abend wird unter dem Mond ein Elfenring auftauchen. Vielleicht findest du einen Tanzpartner, der deinen Kummer lindern wird."

Schneewittchen riß die Augen auf. Sie hatte von Elfenringen und ihrer hypnotischen Kraft gehört, die Sterbliche in einen ewigen Schlaf lullen oder in einen ewigen Tanz führen konnten. Miner fühlte ihre Besorgnis und lächelte. "Mach dir keine Sorgen, alles wird gut werden. Wir werden nicht zulassen, daß dir etwas geschieht."

"Aber wir müssen dich von deinem Prinzen ablenken," warf Study ein.

"Ja!" rief Clockwork aus, "und der Elfenring heute nacht wird deine Sorgen vertreiben."

Schneewittchen nickte und stand langsam auf. "Ihr habt wahrscheinlich recht. Ich kann mich nicht immer wieder fragen, ob er wirklich glücklich ist."

Study seufzte: "Leider glaube ich nicht, daß es eine Möglichkeit gibt, das herauszufinden, meine Liebe."
 

Teil 6

Das Mondlicht schimmerte über dem dunklen Gras, als die Zauberkraft auf der Waldlichtung immer stärker wurde. Ein mystisches Summen ertönte und die Zwerge näherten sich der Waldlichtung mit Schneewittchen an der Spitze. Der Ton dauerte an und helles Licht begann in der Luft unter dem Mond zu flackern. Zauberglanz zog sich zusammen und die Prinzessin keuchte vor Erstaunen auf. Sogar ein Menschenwesen konnte fühlen, daß die Magie hier stark war.

Das Licht verschob sich und bildete eine Vielzahl an verzauberten Wesen. Einige waren klein, andere groß, alle standen stolz aufgerichtet, während sich das Summen in eine mystische Melodie verwandelte. Ihre Körper waren schlank, aber athletisch und ihre Muskeln spielten unter der hellen Haut bei jedem Drehung ihres Körpers. Einige waren in dunkle Mäntel und Roben gekleidet, während andere bunte, helle Stoffe trugen, die mit den Tanzbewegungen mitschwangen. Als die Melodie immer komplizierter wurde, reichten sie sich die Hände und begannen, sich im Kreis zu bewegen. Schneewittchen und ihre Freunde näherten sich langsam der Gruppe.

Dann brachte die Musik einige der Tänzer dazu, sich schneller zu bewegen und so teilten sich einige in kleinere Gruppen auf.  Die musikalischen Harmonien versetzten die Prinzessin immer weiter in einen mystischen Zustand und sie ging näher heran, um sich die Gestalten genauer anzusehen. Einige beugten sich grüßend vor, aber die meisten bewegten sich in ihrem eigenen Rythmus weiter. Um jede schien eine Aura zu schimmern, die ihre zauberhaften Bewegungen hervorhob. Sie waren hell und anmutig und sie wußte, daß dieses das Elfenvolk war und war etwas überrascht, als sich ihr einer von ihnen näherte.

Er war von der Elfenrasse, wie man an seinen langen, spitzen Ohren sehen konnte. Seine alabasterne Haut und violetten Augen kontrastierten nicht mit dem Aussehen der anderen, aber sein Lächeln war zauberhaft als es sich nur auf sie konzentrierte. Sie hörte, wie die anderen Zwerge mit anderen des Elfenvolkes lachten, so daß sie sich im Augenblick keine Sorgen um ihr Wohlergehen machten. Nichts anderes schien wichtig zu sein, nur dieser eine, dessen Hände sanft waren, als er die ihren nahm und sie an seine weichen Lippen drückte.

"So bist du diejenige, die vom Spiegelvolk beobachtet wird." Er sagte es mit einer Stimme, die direkt in ihrem Herzen widerklang. "Das überrascht mich nicht, denn deiner Schönheit kommt nichts gleich."

Ihre weißen Wangen erröteten über diese Schmeichelei und sie nahm langsam ihre Hand zurück. "Ich bin nicht sicher was dieses
'es überrascht mich nicht, denn deiner Schönheit kommt nichts gleich' bedeutet." Sie sagte es langsam, denn sie war noch immer wie verzaubert von diesem Wesen.

"Ach ja," antwortete er, "du bist ja menschlich und nicht an die Elfenwelt gewöhnt." Er streckte seine Hand aus, um ihre wieder zu nehmen und begann, sie von den Tänzern wegzuführen. "Vielleicht darf ich es dir erklären?" fragte er, als wenn er um Zustimmung bitten würde.

Schneewittchens Augen leuchteten auf und sie nickte eifrig. Sie ließ zu, daß er sie von den anderen wegführte und fand einen Baumstumpf, auf den sie sich setzte, als der Elf mit seiner Erklärung begann: "Das Spiegelvolk besteht aus Elfen, oder besonders aus einem Elf, der durch böse Magie gefangen wurde, um einem Herrn oder einer Herrin zu dienen, indem er ihr oder ihm alle Fragen, die sie haben, beantwortet." Er sah ihr tief in die Augen: "Es ist so mit meiner Rasse, daß einige von uns mit Wissen begabt sind, das wenige Sterbliche jemals verstehen können. Wir wissen alles, was in jedem Reich geschieht und wir kennen auch die Zukunft."

"Wir?" fragte Schneewittchen, "Bist du einer von ihnen?"

"Ich gehöre zu der Elfenrasse und, ja, ich bin einer dieser wissenden Elfen. Deshalb komme ich nur in Begleitung anderer Elfen heraus, dadurch werde ich vor Unheil geschützt."

Sie lächelte und schien sich jetzt etwas behaglicher mit dem Wesen zu fühlen und sagte: "Bitte fahre fort, warum beobachtet mich das Spiegelvolk?"

"Deine Stiefmutter befiehlt es ihm. Wenn dieser eine des Spiegelvolkes dich beobachtet und Fragen über dich beantwortet, hat er keine Freiheit. Er spricht auch in Träumen zu einem Zwerg, den du bisher nicht getroffen hast. Er möchte, daß du in Sicherheit bist, obwohl sein Wille der Königin gehört."

"Warum möchte er, daß ich in Sicherheit bin?"

Er lächelte, als er sie wiederum ansah: "Weil du ihn aus seinem Gefängnis befreien kannst. Nur wenige des Spiegelvolkes haben diese Hoffnung, aber er hat sie. Er weiß auch, daß er wieder jung wird, wenn er dir eine Frage beantwortet. Jeder Elf gewinnt Vertrauen, wenn er seine Schuld begleicht."

Sie sprach voller Verwirrung: "Ich .. ich verstehe nicht. Die Zwerge erzählen mir, daß ich nie mehr in die Menschenwelt zurückkehren kann.  Ich kann ihm nicht helfen, wenn ich nicht in die Burg meiner Stiefmutter zurückkehre."

"Niemals jetzt zurückkehren oder niemals Jahre später zurückkehren?" fragte er mit einem leisen Kichern.

"Was meinst du damit?"

"Tanze mit mir heute Nacht in dem Elfenring und die Zeit wird für dich schnell vergehen. Eine Minute wird zu einem Jahr und du erhältst eine Vision von dem, was in dem Reich der Sterblichen geschieht. Dadurch wirst du sehen, wie du handeln mußt und dein Schicksal erfüllen kannst."

Sie hielt inne um darüber nachzudenken, was er gesagt hatte. Die Zeit würde schneller vergehen, als sie verstehen konnte, aber konnte sie das akzeptieren? "Die Zwerge sagten mir, daß´ich unsterblich sei," antwortete sie, "so werde ich niemals älter?"

"Du wirst nicht älter wegen deines Herzens, und selbst wenn dieser Edelstein nicht wäre, würde ich dich in meinen Armen nicht altern lassen. Du verdienst Frieden, Schneewittchen, und ich kann dir sagen, daß du ihn tief in dir nicht hast. Ich werde dir soviel sagen, du wirst deine Liebe wiederfinden, aber nicht so, wie du erwartest. In deiner Welt ist alles im Fluß."

"Im Fluß?" fragte sie etwas neugierig und enttäuscht. "Was meinst du damit?"

Er stand auf und lächelte, streckte ihr seine Hand entgegen: "Tanze mit mir und du wirst sehen."
 


Teil 7




Er griff langsam nach ihren Händen und kam näher. Augenblicke später fand sie sich in seinen Armen wieder. Als die Umarmung sie näher brachte, entrang sich ihr ein ängstlicher Seufzer, da sie die Bewegungen ihres Begleiters nicht vorhersehen konnte. Er fühlte ihre Besorgnis und bewegte sich vorwärts um seinen Kopf auf ihre Schulter zu legen. "Pssst, meine Schönheit." Er flüsterte in einem besänftigenden Ton. "Die Zeit ändert sich schnell genug."

Er hielt sie nahe bei sich und zog sie mit, so daß sie bald ein Teil des Elfenringes wurden. Die Luft begann zu glühen und eine Vielzahl an Farben funkelte um sie herum, als er die Prinzessin in den Tanz führte. Ihre Körper wirbelten, sie keuchte  vor Aufregung und zu ihrer Überraschung konnte sie mit seinen Bewegungen mithalten. Die mystische Musik spielte weiter und der Elf bewegte sich langsamer, so daß sie sehen konnte, wie sich die Welt veränderte.

Bilder von der Burg ihres Vaters tauchten auf und wurden dunkler, als nur schattenhafte Gestalten durch dein Eingang ein- und ausgingen. Die Steinmauern wurden schwarz und das blaue Wasser, das die Burg umgab, wurde bald zu einem trüben Grün. Es gab kein Leben in ihrem ehemaligen Heim und als sie das sah, versuchte sie, ihre Gefühle zurückzuhalten. Dann zog ihr Gefährte sie schnell von der Vision fort, um ihr etwas anderes zu zeigen.

Ihr Prinz erschien auf einem Thron. Sein einst blondes Haar war grau geworden und sein einst glattes Gesicht war vom Alter gezeichnet. Er war jetzt König und traf seine Lords, um über neue Provinzen und Steuern zu sprechen. Sein Gesicht war faltig, sie versuchte, sich auf seinen Ausdruck zu konzentrieren und konnte nur sagen, daß er nicht glücklich war. Dann streckte der Elf seine Arme aus und drehte sie herum, so daß sie eine andere Vision hatte. Dort sah sie einen großen, gutaussehenden Mann, der ihrer jungen Liebe sehr ähnlich sah. Für einen Augenblick war sie wie verzaubert und ging langsam einige Schritte von dem Elfen fort.

Sie wollte in ihrer Verzweiflung, daß das Bild wahr werde, und so entfernte sie sich weiter von ihm und hörte nicht den Schrei ihres Gefährten, als sie aus dem Elfenring heraustrat. Die Zeit hatte sich geändert und sie fand sich selbst einem Mann gegenüber, den sie niemals getroffen hatte, aber von dem sie fühlte, daß er ihr vertraut war.

Teil 8

Sie ging zu ihm und sah ihn genau an. Dabei war sie ganz erstaunt über seine Gesichtszüge. Mit seinem kantigen Kinn und seiner klaren und gebräunten Haut sah er vertraut aus, aber aus irgendeinem Grund wußte sie nicht, warum. Trotzdem sah er sie mit mitfühlenden Augen an und reichte ihr seine Hand. Sie nahm sie langsam, als er fragte: "Geht es ihnen gut, Mylady?"

Sie versuchte nicht zu erröten, und zur gleichen Zeit versuchte er, sich nicht von ihrer Erscheinung verzaubern zu lassen. Ihre ebenholzschwarzen Haare bewegten sich, als sie ihm zunickte, und sie verbarg ihr wunderschönes Gesicht vor seinem Blick, während er ihre Hand voller Respekt küßte. Als sie wieder ihre Haltung zurückgewann, zog sie langsam ihre Hand zurück und ging einen Schritt zurück. "Ich..." sie stotterte langsam, "ich glaube, ich habe mich verlaufen."

"Dann solltet Ihr vorsichtig sein," antwortete er. "Dieses ist ein verzauberter Wald und wenn die Magie erst gelöst ist, kann man nicht sagen, was als nächstes passieren wird."

Sie hielt inne und hörte auf seine Stimme, klammerte sich an jedes Wort. Sogar sein Ton schien vertraut, und sie sehnte sich danach zu erfahren, warum. Seine Haltung war königlich, und als er versuchte, sich ihr zu nähern, ließ ihre Neugierde sie stehenbleiben. "Wer seid ihr?" fragte sie schließlich.

"Oh, vergebt mir, meine Schönheit." Er verbeugte sich vor ihr und stellte sich vor. "Ich bin Prinz Aryn, Erbe eines großen Königreiches. Und wer mögt Ihr sein?"

"Ich bin...," sie wollte ihm grade entdecken, wer sie war, dachte dann aber an ihre Sicherheit. Obwohl er charmant zu sein schien, wußte sie, daß in einem Zauberwald alles möglich war. Sie antwortete: "Ich habe mich verlaufen."

"Genau wie ich," sagte er ihr. "Vielleicht finden wir einen Weg zusammen hier heraus?"

In diesem Augenblick hörte sie ein Rascheln in den Büschen hinter sich und viele vertraute Stimmen, die murmelten: "Betritt nicht die Menschenwelt!" Sie erkannte sie als Study und Miner und als sie wußte, daß ihre Freunde in der Nähe waren, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. "Ich ... es tut mir leid," antwortete sie dem Prinzen, "ich muß gehen!"

"Nein, warte!" rief er aus, als sie fortging. "Wann werde ich dich wiedersehen?"

"Ich... ich weiß nicht." Sie blieb stehen, um ihm zu antworten. "Aber ich muß gehen. Wenn du nach einem Weg aus dem Wald suchst, folge einfach einem der Trampelpfade in dem Wald, sie werden dich nach und nach herausführen."

Er sehnte sich danach, ihr zu folgen um zu sehen, wohin sie ging, aber sie entzog sich schnell seinen Blicken und verschwand  in dem Wald.
 


Teil 9




Sie lief in die Wäler, wo ihre Freunde sie willkommen hießen. Miner, Clockwork und Study zogen sie weiter ins Buschwerk und flüsterten: "Ist er fort?"

"Ich glaube schon," antwortete sie, als sie sich näherte. "Obwohl er mich gerne wiedersehen möchte."

"Das kann nicht sein," sagte Study und ging weiter mit ihrer Hand in der seinen. "Du weißt, daß das nicht geschehen darf. Wir müssen dich beschützen."

Schneewittchen entzog sich ihm schnell und hielt einen Augenblick inne. Mit fester Stimme erzählte sie, was der Elf ihr in dem Elfenring gesagt hatte. "Es geht nicht länger um meine Sicherheit. Mir wurde gesagt, daß ich einen des Spiegelvolkes retten müsse."

"Das Spiegelvolk kann nicht gerettet werden," sagte Clockwork. "Sie sind für immer gefangen, niemand von ihnen wurde je gerettet. Das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern."

Sie schüttelte ungläubig ihren Kopf und rief dann: "Doch das wird es! Der Elf des Spiegelvolkes glaubt daran, weil er mich beobachtet, ungeachtete dessen, ob es ihm die Königin befiehlt oder nicht."

Da war es an Miner, über die Situation nachzudenken. Study sah seine Gefährtin mit einem seltsamen Blick an, und ihm wurde klar, was gesagt werden mußte: "Vielleicht hast du recht." Er seufzte.

"Hat sie nicht!" kreischte Clockwork. "Sie hat nicht recht. Wir müssen sie beschützen!"

Miner legte Clockwork tröstend eine Hand auf die Schulter und dann sprach Study zu ihnen allen: "So sehr wir es auch hassen, du kannst nicht ewig in unserer Welt leben, du wirst in das Reich der Menschen zurückkehren müssen. Wir wissen das, und obwohl wir es nicht mögen, so müssen wir es doch akzeptieren."

"Ich weiß,"antwortete sie. Ein Teil von ihr wollte nicht in ihre Welt zurückkehren, aber die Bilder des neuen Prinzen drangen in ihren Geist. "Ich muß den Elfen finden und befreien. Vielleicht wird mir der Prinz dabei helfen."

"NEIN!" schrie Clockwork gellend. "Du kennst ihn nicht, du kannst ihm nicht trauen."

"Nun, ich möchte das lieber nicht alleine machen," erwiderte sie ärgerlich.

Da trat Study einen Schritt vor und verbeugte sich respektvoll vor der Prinzessin. "Dann werden wir dir helfen."

Sie hielt einen Augenblick inne. "Das kann ich nicht von euch verlangen."

Da stellte sich auch Miner vor ihr auf und verbeugte sich ebenso. "Du brauchst es nicht zu verlangen, wir bieten es dir an."

"Wirklich?"

Da trat Clockwork vor und nickte zustimmend: "Los, trommelt alle zusammen! Worauf warten wir noch?"
 


Teil 10



Der Thronraum der Königin bestand aus Schatten, die in grauen Ecken hingen, wo die dunklen Mauern nur wenige Geheimnisse verbargen. In der Mitte der Dunkelheit war ein schwarzer,
weichgepolsterter, mit  Holz verzierter Sessel. In diesem düsteren Gemach konnte man nicht viel sehen, aber ihr gefiel es so. Ohne Licht gab es kein friedvolles Heim und ihre Bediensteten glaubten das zu oft.

Diejenigen, die nicht vor langer Zeit aus dem Königreich geflohen waren, hatten sich mit ihrer dunklen Magie verbunden, um zu unterdrückten Sklaven zu werden, die jedem ihrer Wünsche nachkamen. Für die Königin fühlte es sich nur so richtig an, da sie so ihren bösen Einfluß auf andere Königreiche verstärken konnte und sich dadurch unverwundbar fühlte.

Trotzdem fand sie es in ihrem Palast ein wenig einsam, aber es überraschte sie nicht. Obwohl sie viele in ihrer Reichweite hatte, die nur auf einen Wink von ihr gehorchten, so boten sie doch wenig Gesellschaft, so daß es ihr an Aufregungen fehlte. Daher beobachtete sie die anderen Königreiche in ihren Träumen und schließlich fiel ihr Blick auf eines davon.

Prinz Aryn war der Sohn eines gutaussehenden und mächtigen Königs und mit seinen geschmeidigen Bewegungen und seinem diplomatischen Geschick war er für wahre Größe bestimmt. Da sie ihn in einer Vision sah, gebrauchte sie ihre Magie, um zu ihm in Träumen zu sprechen und aus Neugierde trafen sich beide einige Male. Sie fühlte, daß er sie gerne mochte und lud ihn ein, ihr Königreich öfter zu besuchen. Obwohl ihr Palast düster war, hatte sie es in ihrem Gefühl, daß er zurückkehren würde.

Es war leicht für den Prinzen, wieder ihre Gedanken zu kreuzen, als sie auf dem samtbespannten Thron saß. Sie erinnerte sich an seine überwältigende Erscheiniung und leckte sich bei dem Gedanken über die Lippen. Es war am besten, die Sache langsam angehen zu lassen und mit dem Herz von Schneewittchen hatte sie alle Zeit der Welt. Sie lächelte darüber und entspannte sich weiter, als sie ein Klopfen hörte.

"Ja?" fragte die Königin spöttisch. Als Antwort öffnete sich die große Tür und eine in einen Mantel gehüllte Gestalt murmelte: "Brief von Prinz Aryn."

Sie sprang mit glänzenden Augen auf: "Los, bring ihn sofort her!" Die Gestalt verschwendete bei dem Befehl keine Zeit und legte den versiegelten Brief vorsichtig in ihre gierigen, langen, weißen Finger.

Ihre Augen hingen an jedem geschriebenen Wort, als sie gierig las. Sein diplomatisches Geschick war sogar in dieser Botschaft offensichtlich:

Meine liebste Königin. Ich hoffe, ihr erhaltete den Brief, während ihr glücklich in Eurem Königreich weilt. Mein Vater und ich müssen hier unsere Angelegenheiten erledigen, da er sehr krank geworden ist. Wir haben nach den besten Ärzten gesandt, und ich bin so oft ich kann an seiner Seite.  Ich habe von Kräutermagie gehört und habe  vielleicht eine dumme Handlung begangen und einen verzauberten Wald betreten. Dort wurde ich schließlich  von etwas in einen Zauberbann gezogen. Ich habe das Gefühl, daß ich bald zurückkehren werde. Aus diesem Grund und wegen meines Vaters zweifle ich, daß ich Euch bald besuchen kann. Ich wünsche Euch Friede und Wohlstand in Eurem Königreich, meine Königin. Möge Eure Zukunft voller Freude sein.

Sie riß zornig ihre Augen auf und las den Brief erneut. Sie konnte es kaum ertragen, ihn ein zweites Mal zu lesen und warf ihn voller Zorn fort. "Unverschämter Narr!" schrie sie gellend. "Ich will dich, und ich nehme mir, was ich will." Doch mit wachsendem Zorn begann sie darüber nachzudenken, was Aryn in dem Wald in den Bann geschlagen hatte.

Teil 11



Aryn durchwanderte die Burghallen mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. Nachem er mit einem der Ärzte gesprochen hatte, wußte er, daß es nur eine geringe Chance gab, daß sich sein Vater von der Krankheit erholte. Er seufzte und versuchte, den Gedanken beiseitezuschieben, aber er wußte auch, daß er ihn sehen mußte. Als er sich der Holztür näherte, die zu seines Vaters Gemächern führte, erinnerte er sich an die Frau, die er in dem Wald getroffen hatte, und für einen kurzen Augenblick erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Nachem er leicht an die Tür geklopft hatte, hielt er für einen Augenblick inne, bis eine schwache Stimme leise krächzte: "Komm' herein."
Aryn ging herein und setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett seines Vaters. Das Gemach war sehr elegant eingerichtet mit roten Teppichen und vielen Wandbehängen an den Wänden, die den Raum gegen Kälte schützen. Ein par Fenster waren in die Wand eingelassen, die etwas Licht auf das Bett warfen, aber es bot dem sterbenden König wenig Hoffnung. Wenn man auf diesem Bett mit der mit Daunen ausgestopften Matratze und dem Kissen lag, hätte fast  jeder andere Entspannung unter den seidenen Laken gefunden, leider konnte er es nicht.

Die Krankheit war etwas, von dem niemand bisher gehört hatte. Es hatte bei ihm alles mit starken Kopfschmerzen und Herzflattern begonnen. Dann wurde er ganz schwach und konnte nicht mehr stehen. Tage nachdem er krank geworden war, konnte er nichts essen und an Schlafen war gar nicht zu denken. Seine Haut war bereits blaß und seine Augen glasig von der Krankheit. Doch als er sein Gesicht umwandte, um seinen Sohn anzusehen, begannen seine Augen vor Liebe zu funkeln und eine alte, runzelige Hand streckte sich nach ihm aus.

"Aryn," sagte er lächelnd, "wie geht es dir, mein Sohn?"

Aryn haßte es, seinen Vater so krank zu sehen, aber er lächelte zurück, um ihm eine Freude zu machen. "Mir geht es gut. Ich denke die ganze Zeit an dich. Mutter kümmert sich um das Königreich."
Er seufzte tief und hielt sanft seines Vaters Hand. "Ich möchte nicht, daß du stirbst, Vater."

Der alte König seufzte ebenfalls. "Auch ich will nicht sterben ... Ich will bei dir bleiben ... du bist das Licht meines Lebens."

Aryn versuchte, seine Gefühle einzudämmen, um nicht zu weinen und versuchte, das Thema zu wechseln. "Ich ging in einen Zauberwald, um Kräuter zu suchen und ... dort begegnete ich jemandem."

Der König hob seine Augenbrauen bei den Worten seines Sohnes: "Du bist jemandem begegnet?" fragte er mit rauher Stimme. "Wem?"

"Eine Frau ... wunderschön."

"Verwunschene Wälder sind voller seltsamer magischer Dinge," fuhr der alte Mann fort. "Ich besuchte sie kaum, als ich jung war. Aber ich erinnere mich an eine wunderschöne Frau. Ich könnte sie nie vergessen."

Aryn hörte wie sein Vater sagte "Ich könnte sie nie vergessen." In diesen Worten schien eine Art Sehnsucht mitzuschwingen, aber der Prinz konnte sie nicht genau bestimmen. Unsicher fragte er: "Mutter?"

Der König schüttelte langsam seinen Kopf. "Nein, Sohn, nicht deine Mutter. Deine Mutter ist eine gute Ehefrau und eine hervorragende Königin. Es war eine arrangierte Heirat. Man sagte, daß ich sie mit der Zeit lieb gewinnen würde und das tat ich auch. Aber ich habe mich nie in sie verliebt."

Aryn war bei diesen Worten ganz verwirrt, dennoch war ein Teil von ihm nicht sehr überrascht. Er erinnerte sich daran, wie seine Eltern sich gemeinsam um Gesetzesangelegenheiten kümmerten und viel an anderen Königshöfen verkehrten, aber er sah selten, daß sie sich küßten wie Liebende. "Ich .. weiß nicht, was ich sagen soll," antwortete er. "Du bist doch glücklich, oder nicht?"

Er lächelte. "Mein Sohn, du machst mich glücklicher als du dir vielleicht vorstellen kannst, aber wenn es etwas gibt, daß ich dir wünsche, so ist es wahre Liebe. Sich zu verlieben ist wirklich eine Angelegenheit voller Macht, die kein Königreich bieten und kein Geld kaufen kann. Wenn es eine Möglichkeit gibt, sie zu finden, so halte sie fest, ich wünschte, ich hätte es gekonnt."

Aryn wurde immer neugieriger, als er seines Vaters Wunsch hörte: "Was meinst du damit, du wünschtest, du hättest es gekonnt, Vater? Was ist geschehen?"

Der König öffnete den Mund, um ihm zu antworten, begann dann aber zu husten. Aryn wollte gerade aufstehen, aber der König nahm seine freie Hand und bedeutete ihm, sich wieder zu setzen. Nach einem kurzen Augenblick hörte das Husten auf. "Es ist eine sehr lange Geschichte, mein Sohn, wirklich eine sehr lange Geschichte. Ich kann mich an alles erinnern, aber es ist alles bereits vor langer Zeit geschehen. Es ist sowieso viel zu lang, und ich habe keine Zeit sie dir zu erzählen. Ich muß mich ausruhen."

Aryn nickte und ließ seines Vaters Hand vorsichtig los. Er stand auf, ging von dem Bett fort und öffnete langsam die Tür. Die Augen seines Vaters waren bereits geschlossen und er fragte sich, ob der alte, kranke Mann mit Gedanken an die Liebe eingeschlafen war.
 


Teil 12

Die Reise zurück war für die Zwerge nicht lang. Schneewittchen hatte keine Schwierigkeiten, mit ihnen Schritt zu halten. Manchmal war sie der Gruppe sogar voraus.  Nachdem sie in einen kleinen Trampelpfad eingebogen waren, kam Watcher zu ihnen und begrüßte sie. Schneewittchen trat vor und erzählte den anderen ihren Plan.

Watcher nickte und zeigte auf das Haus: "Du mußt noch einen unserer Brüder treffen. Er spricht nicht oft zu uns, denn seine Liebe gilt seinen Zauberbücher und der Einsamkeit. Dennoch sagt er, daß jemand zu ihm in seinen Träumen spricht. Das ist etwas, daß sehr überraschend für ihn ist.

Schneewittchen runzelte die Augenbrauen und fragte mit einem Anflug von Neugier: "Vielleicht einer des Spiegelvolkes?"

Watcher stand einen Augenblick wie unter Schock. Dann wies er sie an, zu dem Haus zu gehen. "Vielleicht ist es das beste, wenn du einfach mit ihm sprichst."

Die kleine Gruppe ging weiter bis zu der Tür. Schneewittchen hob ihre Hand, um anzuklopfen und war darauf gefaßt, daß jemand "Herein" sagen würde, aber stattdessen öffnete sich die Tür, bevor ihre Finger noch das Holz berührt hatten. Sie blinzelte überrascht und sah dann eine kleine Gestalt, die die Tür beiseiteschob.  Sie war in eine dunkle Robe und einen Kapuzenmantel gekleidet, wandte ihr aber das Gesicht entgegen, um seine runzeligen Gesichtszüge zu enthüllen.

Sie nickte zur Begrüßung und Watcher machte die beiden bekannt. "Dies ist unser Bruder, den wir manchmal "Spells" nennen und ich glaube, er weiß schon von dir, Schneewittchen."

"Das ist wahr," sagte er und trat einen Schritt vor. "Und meine Brüder haben dir erzählt, daß ich gerne von anderen fern bleibe, nicht wahr?"

Schneewittchen nickte zustimmend und ließ den Zwerg weitersprechen, anstatt selbst zu sprechen: "Du hast Recht, wenn du sagst, daß einer des Spiegelvolkes zu mir in Träumen über dich spricht. Er glaubt, daß du seine letzte Hoffnung bist... Ist es auch das, was du glaubst?"

Sie sah einen Augenblick zu Boden. "Ich bin nicht sicher, aber ich fühle, daß irgendetwas an dieser Situation äußerst dringend ist."

Der kleine Mann schüttelte nur seinen Kopf. "Du mußt es nicht fühlen, du mußt es glauben," kam seine Antwort. Er sah zu seinen Brüdern, die um sie herumstanden und verkündete: "Ich habe die Fähigkeit, ein Tor zu den Gemächern der Königin zu öffnen, dort wo der Elf ist. Was aber dort geschieht, entzieht sich meinen Zauberkünsten.  Sie hat dein Herz und sie benutzt es, um ihr Aussehen unsterblich zu machen, sie ist daher auch sehr mächtig."

Schneewittchen nickte: "Ich weiß und daher muß ich gehen. Ich fühle, daß mich etwas um Hilfe anruft."

Spells ging langsam aus dem Haus heraus und sah zu der kleinen Gruppe hinüber. Er schüttelte nur seinen Kopf und begann einige Worte zu singen, die allen unbekannt waren. Als er mit der Anrufung fortfuhr, begann sich ein Lichtfleck in der Luft zu formen. Spells führte komplizierte Gesten mit seinen Händen aus, so daß das Licht immer größer wurde. Dann sagte er zu ihnen: "Springt in das Licht und ihr werdet euch in der Burg wiederfinden. Aber seid schnell, denn die Königin ist mächtig!"

Teil 13

Als die Gruppe in das Licht hereintrat, fühlten sie sich etwas orientierungslos und sie versuchten, zusammenzubleiben. Die Gegend um sie herum glänzte und machte sie vorübergehend blind, bis sie sich alle in einem halbdunklen Raum wiederfanden. Einige Kerzen hingen an kalten Steinwänden, aber trotzdem konnten sie nur wenig sehen. Schneewittchen wanderte durch den Raum, betastete die Dinge um sich herum und machte schließlich ein paar kleine Tische und sogar ein Bücherregal aus. Sieh hörte, wie die anderen Zwerge hinter ihr herstolperten und versuchte, selbst kein Geräusch zu machen.

"Still!" sagte Watcher und versuchte, seine scharfen Augen einzusetzen, um sich umzusehen. "Die Königin wird noch schnell genug herausfinden, daß wir hier sind. Aber laßt sonst nichts von unserer Gegenwart verlauten, OK?"

Die anderen stimmten zu und versuchten, nicht mehr soviel herumzustolpern. Leise fragte einer von ihnen: "Also nach was suchen wir eigentlich?"

"Einen Spiegel," antwortete Schneewittchen, "aber bisher sehe ich keinen."

"Auch ich kann keinen finden," sagte Watcher, als er sich weiter in der Dunkelheit herumtastete, "und ich habe die schärfsten Augen von uns allen."

Schneewittchen seufzte vor Verzweiflung, als sie die Worte der Zwerge hörte. Sie lehnte sich an die Wand und rieb ihre Augen, um die Anspannung zu lindern. Da hörte sie eine Stimme rufen: "Du mußt glauben."

Sie ließ ihre Hände wieder sinken und flüsterte zu den anderen: "Habt ihr das alle gehört?"

"Was gehört?" antworteten ihre Freunde. Ihr Ton zeigte ihre Verwirrung, aber sicherlich hatten sie die gleichen Stimme rufen gehört: "Du mußt glauben."

Schneewittchen erinnerte sich daran, was Spells gesagt hatte und sah in die Dunkelheit. Jetzt verstand sie die Stimme und anstatt sich auf die Intuition zu verlassen, verließ sie sich auf ihr Vertrauen. Sie wußte nicht genau, woher die Stimme kam, dennoch rief sie ihr zu: "Ja, ich glaube."

"Was glaubst du?" fragte die Stimme jetzt etwas deutlicher. Sie war männlich und stellte die Frage mit einem Anflug von Dringlichkeit. Sie antwortete: "Ich glaube, daß ich diejenige reinen Herzens bin, die das Spiegelvolk retten kann."

"Dann berühre mich," sagte die Stimme schnell. Instinktiv griff Schneewittchen in die Dunkelheit, bis sie eine schlanke Hand fühlte. Sie konnte nicht sehen, wer es war, aber hielt sie weiter fest in ihrer. "Ziehe!" befahl die gleiche Stimme und sie tat mit all ihrer Kraft, wie ihr geheißen war. Plötzlich hörte man ein lautes splitterndes Geräusch. Danach flutete Licht in das Zimmer und verjagte die Dunkelheit. Die Splitter eines zerbrochenen Spiegels erleuchteten das Gemach der Königin, und eine Gestalt lag davor auf dem Boden.

Jetzt konnte man alles sehen, und alle zuckten zurück, als sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Die Wände waren grau, dennoch nicht annähernd so dunkel wie zuvor, und an ihnen stand eine Vielzahl an Regalen und Bücherschränken. In einigen Ecken standen ein paar Tische, und ein großes Bett mit schwarzen Laken stand auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.

Die Zwerge rieben sich wieder die Augen, um alles deutlicher zu sehen, aber im Zentrum der Aufmerksamkeit stand das Glas und die Gestalt davor.

Der Spiegelrahmen war aus Silber und einige Splitter steckten noch in ihm. Da er vor Licht glitzerte, war der Elf gut zu sehen. Er hatte eckige Gesichtszüge und lange graue Haare. Seine Augen waren violett, fast so wie die des Elfen, mit dem sie getanzt hatte, dennoch war sein Gesicht von Altersfalten durchzogen. Aber sein Gesicht zeigte keine Verzweiflung, als er die Prinzessin langsam ansah und lächelte: "Ich wußte, daß du diejenige sein würdest, die mich retten würde."

Sie hielt seine Hand fest, aber konnte nicht anders, als ihn traurig anzusehen: "Aber.. du bist alt. Elfen werden niemals alt."

Er schüttelte seinen Kopf, einige schwache Worte kamen aus seinem Mund: "Ich bin alt, wenn man mich mit den Menschen vergleicht, aber nicht so alt wie du vielleicht denkst."

"Wirst du jemals wieder jung werden?"

"Wenn ich meine Schuld dir gegenüber beglichen habe." Er hob seine schwachen Finger in einem Versuch, ihre Gesichtzüge voller Bewunderung nachzuziehen. "Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, jetzt muß ich ihn dir wieder vergelten. Ich besitze großes Wissen, also stelle mir eine Frage, so daß ich wieder jung werde."

Da verstand Schneewittchen, was er meinte. Durch ihre Güte war er gerettet, aber er konnte nicht geheilt werden, bevor er ihr nicht etwas dafür gab. Da fragte sie: "Lebt mein Prinz noch?"

"Ja," antwortete er, "aber er hat sich verändert."

"Liebt er mich noch immer?"

"Das wird sich nie ändern."

"Werde ich ihn wiedersehen?"

"Ja," sagte der Elf. "Aber nicht so, wie du erwartest. Zu oft sehen wir, was wir sehen wollen, aber nicht das, was wirklich dort ist. Dennoch liebt dein Prinz dich und du wirst ihn wiedersehen, aber nicht so wie du erwartest. Erinnere dich daran, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind und nicht so, wie du sie gerne hättest."

Schneewittchen nickte und ließ langsam die Hand des Elfen los. Die Zwerge traten zurück, als sich das Licht von den Scherben auf seine Gestalt zubewegte. Langsam aber stetig umgab das Licht seinen Körper und glänzte mit dem Licht der Heilung. Jeder keuchte vor Erstaunen auf, als er wieder jung wurde, aber niemand bemerkte die Schritte, die sich hinter der Tür näherten.
 


Part 14

Die Tür öffnete sich und Schatten umgaben die Gestalt, die sich ihnen näherte. Ihre langen schwarzen Haare umrahmten ein Gesicht voller jugendlicher Schönheit, aber es war auch voller Bosheit, als sie finstere Blicke auf die im Raum Anwesenden warf.
Mit zornigem Gesichtsausdruck begann sie eine magische Anrufung zu sprechen und versuchte so, den Willen der anderen zu untergraben.

Als die Worte "Alikar nimon girkt" von ihren Lippen flossen, wußte Schneewittchen, daß es ihre Stiefmutter war. Sie zuckte zusammen und versuchte, sich in den Schatten zu verstecken, aber die Königin hatte ihre Anwesenheit bereits bemerkt. Da beendete sie ihre Anrufung, um die Prinzessin anzusehen. "So bist du zurückgekommen?" höhnte sie. "Ich wollte, du wärest tot, weil ich dich dafür gehaßt habe, daß du so schön bist. Aber jetzt sieh mich an." Sie kam näher und ihr Ton verlangte nach Aufmerksamkeit, als sie gellend rief: "Dein Herz pumpt das Blut, das mich jung erhält! Dafür sollte ich dich töten. Aber es gibt ein schlimmeres Schicksal als den Tod, Prinzessin, das wirst du noch herausfinden!"

"Jemanden zu vergessen?" sprach der Elf aus der Entfernung und sie drehte sich herum, um ihn anzusehen. Seine Haut glänzte vor Magie, so daß sie ihre Augen vor Schreck weit aufriß. Sie wußte, daß er jetzt, wo er befreit wurde, sehr mächtig war, aber sie wagte nicht, ihre Angst zu zeigen. Sie rief die Dunkelheit aus allen Ecken des Raumes, die Schatten erstreckten sich vor ihren Füßen. Dort angekommen, materialisierten sie sich zu dunklen Bällen, die zischende Geräusche von sich gaben. Mit einer einfachen Handbewegung, stiegen die Bälle auf Augenhöhe und als sie ihre Finger ausstreckte, flogen sie auf den Elfen zu.

Der Elf lächelte als Antwort und winkte mit seiner Hand zu der Königin. Durch diese Handbewegung löste sich die Bälle in Rauch auf. Er lachte und trat einen Schritt näher zu seiner Feindin. "So, du dachtest du könntest mich für immer gefangenhalten und mich einfach besiegen, wenn ich erst einmal befreit wäre? Sag mir, warum dachtest du das?"

"Ich bin mächtiger als du!"schrie sie, "Ich bin böse! Das Böse wird immer das Gute besiegen!"

Der Elf lächelte wieder und antwortete: "Das Böse mag manchmal vielleicht mächtiger sein, aber es ist nicht so weise. Laß' es mich dir zeigen."

Vor der Königin tauchte plötzlich ohne Warnung ein großer Spiegel auf. Ihre Augen sahen ihn für einen kurzen Augenblick an, um ihre Schönheit zu bewundern. Dann begann sich ihr Gesicht zu verändern, indem sich zuerst Falten um ihre Augen bildeten. Plötzlich begann ihr Mund und der Rest ihrer Haut einzufallen, "Nein!" schrie sie gellend, als ihre Haut sich aufzulösen begann. "So sehe ich nicht aus!"

Der Elf sprach in einem tiefen, befehlenden Ton: "Du bist böse, deine Schönheit ist nur so tief wie deine Haut reicht. Dein Aussehen wurde nur erhalten durch das Herz einer Unschuldigen, daher ist die Essenz deines Wesens grauenerregend... sieh' nur genau hin."

So sah sie nun ihr wahres Wesen als eine groteske Frau mit schwarzen Augen und einem entstellten Gesicht. Ihre Haut sackte an ihrem Schädel zusammen und zwischen ein paar Falten konnte man Blasen sehen. Schreiend berührte sie ihr Gesicht und die Blasen platzten auf. Das Fleisch begann zusammenzufallen, Flüssigkeit trat aus, und sie schrie wieder gellend auf. Die Königin war nicht mehr fähig, sich die grauenerregende Vision länger anzusehen und so warf sie sich selbst in den Spiegel, um das Spiegelbild zu zerbrechen. Die Splitter flogen in alle Richtungen und alle duckten sich, um dem Glas zu entkommen, aber die Königin fiel auf eine große Glasscherbe, die ihr Herz durchstieß. Sie war tot.
 
 

Teil 15



Schneewittchen wandte sich ab, nachdem sie gesehen hatte, wie die Königin dem Tod begegnet war. Sie seufzte tief auf und wollte nicht auf ihren Körper starren. Blut floß aus ihrer Gestalt und sogar einige der Zwerge stöhnten bei dem Anblick auf.  Sogar der Elf zeigte ein wenig Schuldgefühl, aber die Aussicht auf Freiheit begann jeden Anflug von Schuld zu überglänzen. Er ging langsam hinüber zu der Prinzessin und streckte eine tröstende Hand nach ihr aus.

Sie fühlte die Hand und drehte sich um, um nach ihr zu greifen. Sie konzentrierte sich auf sein Gesicht und vergaß ihre Stiefmutter. Seine Gesichtszüge waren jetzt viel anziehender - sein graues Haar war  blond und seine Augen von einem funkelnden tiefen Blau. Sie lächelte und drückte seine Hand. Er antwortete mit einigen sanften Worten: "Alles wird jetzt gut werden, jetzt hast du das Königreich deines Vaters wie es sein sollte."

"Ich weiß," murmelte sie, "ich mag nur nicht die Vorstellung, daß jemand sterben sollte. Mußte sie sterben?"

"Sie war bereits tot,"seufzte der Elf. "Jemand, der so bösartig ist, versucht nur, das Leben unter Kontrolle zu bringen und läßt es nicht seinen natürlichen Gang gehen. Nichts ist für immer, Schneewittchen, und je eher wie das akzeptieren, um so eher werden wir unseren Seelenfrieden finden."

"So muß alles sterben?" fragte sie mit einem Anflug Verzweiflung in der Stimme.

"Nein,"antwortete er schnell, um sie zu trösten, "aber alles ändert sich.  Das Mitgefühl in deinem Herzen wird es immer geben, aber dein Herz wird sich verändern."

"Wie wird es sich verändern?"

"Es gibt etwas, das dir nicht bewußt ist. Du gehörst zu jemand anderem und so ist es immer gewesen."

Sie seufzte noch immer etwas verwirrt. "Ich weiß nicht, ob ich das verstehe oder nicht."

"Das verlangt niemand von dir," antwortete er. "Aber bald wirst du es, glaube mir. "Für diesen Augenblick gehören die Diener der Königin dir. Es gibt viel in Ordnung zu bringen, aber mit ihrer Hilfe wirst du es schaffen." Der Elf ließ langsam ihre Hand los und wandte sich dann an die anderen. Ein helles Lachen erschien auf seinen Lippen und er rief ihnen zu: "Gibt es heute abend einen Elfenring, meine Brüder?"

Die Zwerge gingen näher zu ihnen und lächelten breit: "Wenn es keinen gibt, werden wir einen ankünidgen! Es ist Zeit, dich zu Hause willkommen zu heißen!" sagte Miner.

"Ja," antwortete Watcher, "es ist Zeit zu feiern! Einer des Spiegelvolkes lebt und ist wohlauf und frei!"

Die Zwerge lachten breiter, dann hielt Clockwork für einen Augenblick inne und sah die Prinzessin an: "Du weißt, du kannst uns jederzeit besuchen!"

Study nickte auch: "Ja, das mußt du machen! Bitte besuche uns!"

Schneewittchen kniete sich nieder, um alle Zwerge genau anzusehen: "Das werde ich, glaubt mir. Ich kann euch alle gar nicht genug dafür danken, daß ihr mein Leben gerettet habt. Ich werde euch nie vergessen!"

"Wir werden dich auch nicht vergessen," sagten sie alle einstimmig. Dann antwortete Miner: "Aber wir wissen, daß du jetzt ein Königreich verwalten mußt. Wenn du uns jemals brauchst, wirst du uns finden, da kannst du sicher sein!"

Sie lächelte und stand auf. Der Elf ging näher zu den Zwergen und hielt neben ihnen an. "Wir sind für immer in Eurer Schuld, Eure Hoheit," sagte er. "Du hast uns Elfen viel Hoffnung gebracht. Dein Herz ist rein, ob es nun aus Fleisch ist, oder ein Edelstein, da es direkt von deiner Seele kommt. Du wirst deinen Frieden finden, wenn du deine andere Hälfte gefunden haben wirst, ich werde diesen Tag preisen."

Schneewittchen lächelte über das, was er gesagt hatte, obwohl sie ihn nicht vollkommen verstand. Der Elf fühlte ihre Verwirrung, aber bot keine Antwort. Stattdessen murmelte er ein paar alte Worte eines Teleportationsspruches, und er und die Zwerge verschwanden in einem blitzenden Licht.
 


Teil 16

Viele Monde waren vergangen und während dieser Zeit wurde die ursprüngliche Schönheit der Burg wieder hergestellt. Die dunklen Gänge wurden bald weiß durch das stundenlange Putzen und Bemalen der Steinwände. Durch viel Arbeit schimmerten sie durch das Licht von draußen und auch durch viele Kerzen, die die Gänge schmückten. Schneewittchen lächelte jedes Mal, wenn sie die Räume ansah.  Sie wollte sicherstellen, daß jeder Raum seine eigene Lebendigkeit behielt.  Durch die Dekoration mit goldenen Wandbehängen und vielfarbigen Malereien, erzählte jedes Zimmer Geschichten des Elfenvolkes, wie sie in den Elfenringen tanzten.
 

Und sie vergaß nie ihre Elfenfreunde, aber sah sie leider nicht mehr so oft. Nur einige Male im Monat ging sie in den Zauberwald und tanzte mit ihnen, aber die Menschenwelt beanspruchte sie viel mehr.  Einige der Bediensteten ihrer Stiefmutter erhielten die Freiheit, aber viele von ihnen blieben, um ihre Treue der neuen Königin gegenüber zu bekräftigen. Sie war dankbar für ihre Hilfe, und in weniger als einem Jahr blühte das Königreich unter ihrer errschaft auf.

Sie lächelte, als sie an den Wohlstand des Landes dachte und wußte, daß die Bündnisse mit anderen Königreichen ebenfalls zu ihren Gunsten waren. Sie erinnerte sich an Prinz Aryn, der sie jede Woche ein paar Mal besuchte und wußte, daß sie begann, ihn sehr gerne zu haben. Mit Gedanken an ihn begrüßte sie eine Bedienstete, die sich ihr langsam näherte.

Die Dienerin verbeugte sich respektvoll vor ihr und sagte ihr, daß Aryn draußen auf sie warte.
Sie lächelte, als sie von dem Überraschungsbesuch hörte und nickte der Zofe höflich zu. Sie erinnerte sich an ihren Treffpunkt und ging einige Treppen herunter, um  den Prinzen am äußersten Fallgatter der Burg zu treffen.

"Ich entschuldige mich dafür, daß ich dich nicht vor meinem Besuch gewarnt habe, aber ich möchte dich heute zu meinem Königreich bringen." Dann sagt der Prinz schnell: "Ich möchte, daß du meinen Vater triffst." Plötzlich wurde sein Ton feierlicher und er fuhr fort: "Er steht dem Tode sehr nahe... Ich will nicht lügen und sagen, daß du mir nicht bedeutest, meine Königin, und ich möchte, daß du ihn siehst bevor es zu spät ist."

Sie riß die Augen auf, als sie seine Bitte hörte und nickte zurück: "Sicherlich, laß' uns keine Zeit verlieren."

Die beiden wanderten aus der Burg heraus, wo sie eine Kutsche erwartete. Beide saßen in den luxuriösen roten Samtpolstern, als die Pferde begannen loszutraben. Der Ritt schien die meiste Zeit glatt zu gehen, aber Schneewittchen richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Prinzen, der sehr betrübt zu sein schien. Um ihr Mitleid zu zeigen, streckte sie ihre Hand aus, und er nahm sie in die seine. Sie drückte sie leicht und versuchte ihn zu trösten: "Ich weiß, wie es ist, seinen Vater zu verlieren," sagte sie.

Aryn seufzte und drückte ihre Hand ein wenig: "Ich liebe ihn so sehr, es scheint nicht richtig für ihn zu sein, daß er gehen muß."

"Das ist es nie, aber manchmal müssen wir die Dinge gehen lassen, die wir am meisten lieben, ich mußte es auch."

Er nickte und sah sie dann direkt an: "Ich ... muß dir etwas sagen, nachdem alles vorbei ist."

"Warum sagst du es mir nicht jetzt?" fragte sie, als sich die Kutsche fortbewegte. "Wir haben Zeit."

Aryn nickte: "Ich werde bald König sein und ... ich brauche eine Königin."

Schneewittchen blinzelte, als sie das hörte, aber war sich ihrer selbst noch nicht sicher. So sagte sie: "Bitte... fahre fort."

"Ich möchte, daß du meine Königin bist, Schneewittchen ... deshalb möchte ich, daß du meinen Vater siehst, bevor er stirbt."

Der Antrag überraschte sie etwas. Zweifellos mochte sie den Prinzen sehr gerne, aber sie fragte sich, ob sie ihm sofort eine Antwort geben konnte. Das momentane Schweigen machte ihn unruhig. Als sie das fühlte, antwortete sie: "Mein lieber Aryn, ich mag dich wirklich sehr, sogar mehr, als ich zugeben mag, aber ich kann dir nicht jetzt antworten, da du in diesem Augenblick so verzweifelt bist. Frage mich nochmals, wenn dein Kopf wieder klar ist und du dir keine Sorgen über deinen Vater machst. Dann werde ich dir antworten."

Aryn fühlte sich bei dieser Antwort unbehaglich und nahm seine Hand fort: "Aber was hat unsere Hochzeit mit meinem Vater zu tun?"

"Du hast zu viel in deinem Kopf, es ist am besten, sich auf eine Sache auf einmal zu konzentrieren." Sie griff wieder nach seiner Hand. "Aber soviel kann ich dir bereits sagen, ich würde mich geehrt fühlen, deine Königin zu sein, mehr als jede andere Frau, glaube mir das."

Aryn lächelte bei dieser Antwort und drückte wieder ihre Hand. Beide genossen den Augenblick der Gemeinsamkeit, der schließlich dadurch unterbrochen wurde, daß die Kutsche vor Aryn's Burg anhielt.

Die Burg war ähnlich wie die von Schneewittchen. Sie bestand aus bemalten Ziegeln, die das Licht widerspiegelten. Sie lächelte, als sie die Burg sah und sehnte sich danach, sie genauer anzusehen, als eine aufgeregte Frau auf sie zugerannt kam und schrie: "Prinz Aryn!"

Schneewittchen sah zu der Frau, die versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Völlig aufgelöst gelang es ihr schließlich zu sprechen: "Wir haben überall nach euch gesucht! Euer Vater ist fast tot! Er hat vor einiger Zeit aufgehört zu atmen und es bleibt ihm nicht viel Zeit! Bitte kommt!"

Aryn riß seine Augen weit auf und Schneewittchen lief schnell hinter den beiden her durch eine Vielzahl an Hallen bis sie in einen großen Raum gelangten. Darin stand ein breites, bequemes Bett, zwei weißgekleidete Ärzte und die Königin, die in einer entfernten Ecke des Raumes saß. In lange rote Gewänder gekleidet, war sie wunderschön, obwohl das Regieren des Königreiches ihren Zoll forderte, was ihr Aussehen betraf. Wie die Haut ihres Mannes, so war auch die ihre von Falten durchzogen und ihr Gesichts enthüllte einen Ausdruck der Trauer, als sie die Traurigkeit ihres Sohnes sah. An ihrem Gesichtsausdruck sah man, daß sie sich mehr um Aryn's Gefühle sorgte als um den Zustand ihres Mannes.

Der Prinz lief zur Bettseite seines Vaters und flehte ihn an: "Vater, bleibe am Leben, bitte !"

Der alte Mann tat einen kurzen Atemzug  und und öffnete langsam seine Augen, als er seinen Sohn hörte. Sein Gesicht war faltig und blaß, aber Schneewittchen fröstelte, als sie ihn sah. Mit langsamen Schritten näherte sie sich ihm und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den König, bis seine Augen die ihren trafen. In diesem Augenblick konnte die Wahrheit nicht mehr geleugnet werden.

"Mein Prinz..." Schneewittchen's Stimme  verklang langsam, als wenn sie an ihr zweifeln würde. Sie erkannte seine tiefblauen Augen und die Konturen seines Gesichtes von vor so vielen Jahren. Er war es, selbst wenn er älter war und ohne die jugendliche Energie, an die sie sich erinnerte. Wie in Trance ging sie zu ihm und setzte sich an sein Bett. Ihre Augen begannen zu glänzen, als sie sich an alles erinnerte, was der Elf gesagt hatte. Sie wußte jetzt, daß sie ihre wahre Liebe gefunden hat, aber nicht wie sie erwartet hatte.

"Meine Prinzessin..." sagte der König und streckte seine Hand aus, um die Konturen ihres Gesichtes nachzufahren. Sie beugte sich vor, so daß er sie berühren konnte, und in diesem Augenblick war nichts anderes wichtig. "Du lebst ... und bist so jung."

 Sie blinzelte und Tränen strömten ihre Wangen herunter. Sie erlebte diesen Augenblick so intensiv, daß sie ihre Gefühle nicht länger zurückhalten konnte. "Ja, ich lebe und die Gedanken an dich haben mich nie verlassen. Ich wurde von den Zwergen gefunden und sie haben mich gerettet. Jetzt bin ich unsterblich."

"Und ich liege im Sterben," erwiderte er mit schwacher Stimme, "der Tod ist überall um mich herum."

Sie bewegte ihre Finger, um sein Gesicht voller Bewunderung nachzufahren. Als sie versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, unterdrückte sie ein Schluchzen. Die Königin in der Ecke des Zimmer beobachtete die Szene und verstand nicht, was vor sich ging, aber sie tat nichts, um sich einzumischen.

Auch der Prinz tat nichts, um sich einzumischen, aber er wußte, daß Schneewittchen die Frau war, über die sein Vater gesprochen hatte. Er wußte, daß er sich vor vielen Jahren in sie verliebt hatte, und daß die Liebe so stark war, daß er jetzt noch immer so fühlte.

"Mein Sohn hat von dir gesprochen."

Sie nickte. "Ja, das hat er, aber du hast mein Herz, dagegen kann ich nichts machen." Sie zog seine faltige Hand an ihre Brust, wo das Rubinherz vor Freude klang. "Du kannst es fühlen, nicht wahr?"

"Ja," lächelte er, "es klingt so ... vollkommen. Wie du..."

Sie unterdrückte wieder ein Schluchzen: "Du darfst jetzt nicht sterben," sagte sie.

"Ich fühle mich, als wenn ich sterben würde, aber jetzt kann ich wieder leben, da du  lebst und es dir immer gutgehen wird."

"Nicht ohne dich," sagte sie, "nie mehr ohne dich... ich fühle, daß du mir jeden Augenblick entgleitest, deswegen habe ich dir etwas zu geben."

Der König sah verwirrt aus, aber Schneewittchen gab einem der Ärzte ein Zeichen, ein scharfes Messer hervorzuholen, das zum Kräuterschneiden benutzt wurde.  Sie nahm es in ihre Hand und öffnete mit einem schnellen Schnitt ihre Brust. Ihre Bewegungen waren sogar schneller, als sie erwartete und niemand hatte die Zeit, sie aufzuhalten. Da fiel das Messer auf die Erde und Aryn näherte sich schnell, um sie davon abzuhalten, sich erneut zu schneiden. Sie schrie ihn und die anderen an, zurückzubleiben und sie gehorchten. Blut begann aus ihrer Brust zu quellen und in der offenen Wunde griff sie nach dem riesigen Rubin. Der intensive Schmerz bedeutete ihr nichts, als der Rubin in ihrer Hand glänzte. Selbst wenn er in Blut getaucht war, schimmerte er noch immer hell und spiegelte alle Lichtformen voller Präzision wider. Dann gab sie den Edelstein an den König und fiel auf ihn, als er danach griff. Sie konnte das Blut nicht aufhalten und mit ihrem letzten Atemzug sagte sie: "Mein Herz gehört dir, so war es und wird es immer sein."

Mit letzter Kraft umklammerte der König den Rubin. Langsam verebbte ihr Atem genau wie der seine. Er schlang seine Arme um sie und hielt sie so in seiner Umarmung, bis der Tod zu ihm kam. Er konnte ihn nicht länger festhalten, und so fiel der kostbare Edelstein aus seiner Hand.

Und so erzählte ich von ihr,
Die das reinste Herz in sich trug
Ich erzählte von dem Herzen, das vor Mitleid und Erbarmen schlug,
Und von der Liebe, die in ihm brennt
Jetzt wißt ihr, daß wahre Liebende nichts trennt
Denn sie verwirklichen ihren Traum
Mit tiefen Gefühlen, unzerstörbar durch Zeit und Raum
Und uns lehrt sie, daß du durch den Glauben an deine Stärke Hoffnung erschaffst,
So habe Vertrauen und glaube, befreie andere wenn du es vermagst
Aber ewige Ruhe wirst du erst in den Armen desjenigen finden,
dem es gelang, einen Teil deiner Seele mit der seinen zu verbinden.
 
 


 


Many thanks to Silbermond for Translating this story!